Ohne Chemo geht es auch
Ohne Chemo geht es auch

Kampf um Anerkennung einer BK 2110

Wer kennt sie nicht - Rückenschmerzen. Den einen treffen sie, weil er Verspannungen in der Muskulatur hat, andere klagen, weil die Bandscheiben Schaden genommen haben und evtl. die Nerven tangieren. Es gibt viele verschiedene Ursachen für Rückenschmerzen. Auch die Psyche wird vorgeschoben, was heutzutage oftmals der Fall ist. Nun gut.

Ich jedenfalls wurde, als ich 16 Jahre alt war, gemustert und für tauglich befunden, was meine Berufswahl - Agrotechniker/Mechanisator angeht.

Ich bin ein schlanker Mensch, etwas zu schlank eigentlich als Jugendliche, jedoch zäh wie altes Leder. Nach der Ausbildung, bei der wir Lehrlinge bereits oft schwer heben mussten, obwohl nicht erlaubt, begann ich in einer Nachbar LPG bei Torgau mein Leben als Facharbeiter. Der Job machte Spaß. Ich kam in die Futterbrigade und steuerte Schwadmäher, Hächsler, aber auch Traktoren wie MTS 50 und 80, ZT 300/303, oder Utos 650. 1985 wechselte ich den Betrieb und fing in einer LPG bei Grimma erneut als Fahrerin an. Hier durfte ich auch mit einem LKW W 50 herumsausen. In der Getreideernte bediente ich einen E 514-Drescher. Nach der Wende dann einen Drescher von MF. Ebenso einen 180 PS starken Traktor, mit dem ich allerlei Arbeiten ausübte - auch pflügen mit sechs-Schar-Wendepflug. Eigentlich fuhr ich alles. Später auch noch einen kleinen Radlader mit Bagger. Eine Zeitlang, nach der Geburt meiner Tochter, fuhr ich den Pflege -LO und schmierte damit die Landtechnik, brachte Öl aufs Feld etc. Es war immer Abwechslung, aber teilweise war die Arbeit auch sehr anstrengend, vor allem die schlechten Straßen ließen mich manchmmal verzweifeln. Ich sprang wie ein Floh auf dem Sitz herum, er ließ sich nicht auf ein Gewicht unter 60 kg einstellen. Ich wog 55 kg.

Das zur Einleitung, damit Sie wissen worum es ging. Ich schuftete im Winter bis zur Wende täglich 9 Stunden, im Sommer immer 12 Stunden und in der Ernte 12 bis 15 und länger. Während der Rapsernte (nach der Wende) zog sich mein längster Tag 23 Stunden- von morgens um sieben bis zum nächsten Morgen um sechs. Aber, und das ist das Wichtigste - die Arbeit machte Spaß. Die letzten Jahre vor der Erkrankung musste ich oft Dung streuen, pflügen und viele Transporte über Land fahren.

Im Herbst 1995 begannen die Schmerzen im unteren Rücken. Ich konnte irgendwann im Herbst 1995 die Zapfwelle nicht mehr an den Traktor anstecken, hatte einfach Null Kraft mehr im Kreuz. Schmerzen. Sie wurden stärker und ich musste zum Arzt, war einige Wochen krank, bekam Injektionen und massenhaft Physiotherapie verschrieben. Nach sechs Wochen konnte ich wieder arbeiten. Doch im nächsten Frühjahr ging es wieder los. Bald konnte ich vor Schmerzen nicht mehr sitzen, was große Probleme bereitete überhaupt auf Arbeit zu kommen. Ich schleppte mich bis zur Getreideernte. Im Drescher gings, ich konnte schmerzfrei sitzen, was wohl am Sitz gelegen haben mag, denn sobald ich mal zu einer Reparatur raus musste, ging ich vor Schmerzen bald krachen. Am 3.8.1996 gab ich auf. Ich wusste, das würde mein letzter Arbeitstag überhaupt sein, denn ich ahnte Schlimmeres.

Dann folgte ein Märtyrium von Schmerzen, laufenden Besuchen beim Orthopäden, was jedes mal eine Qual war, v.a. die Warterei. Und das alles für rein, Spritze, raus. Ich konnte ja die letzten Wochen nichts mehr schmerzfrei tun, außer liegen. Doch auch das war bald vorbei. Ich quälte mich im Bett herum, versuchte viele Stellungen. Legte den Wäschekorb unter die Knie - Stufenlagerung. Das half kurz, aber bald ging nichts mehr.

Mein Mann fuhr mich zum Orthopäden und ich bat um eine Einweisung in die Klinik. Ich kam nach Leipzig in die Uni - Orthopädie und wurde am 9.10.96 operiert, nachdem man noch knapp eine Woche mit starken Schmerzmitteln eine Linderung hervorrufen wollte, was aber misslang. Die OP verlief halbwegs gut, die Schmerzen waren jedenfalls weg. Doch da ich noch zwei Tage lang liegen musste, konnte ich auf dem Schieber nicht pullern. Ich drückte wie wild, doch irgendwie war da eine Klappe zugegangen. ;-) Nachdem man merkte, dass ich wirklich nicht konnte, bekam ich dann alle 6 Stunden einen Katheder eingeschoben. Schlimm. Nicht der Katheder, sondern das sechs Stunden Intervall. Vor allem nachts. Wenn ich muss kann ich nicht schlafen. Und meine Blase war oft recht schnell voll. Jedenfalls überstand ich die OP recht gut, hatte aber weiterhin Beschwerden im linken Bein. Es war kaum belastbar. Außerdem war ich vom Chef gekündigt worden und das hatte mich nervlich ganz schön runter gezogen. So kam einiges zusammen. Nach den 78 Wochen Kranksein durfte ich zum Arbeitsamt. Welche Schmach. Man wurde behandelt, als ob man absichtlich ohne Arbeit war.

Meine damalige Hausärztin riet mir einen Antrag auf Berufskrankheit zu stellen und ebenso einen bei der LVA wegen Berufsunfähigkeit. Laienhaft setzte ich die Schreiben auf und stellte mir wegen meiner Ehrlichkeit große Hürden, die in einem langen Kampf überwunden werden mussten. Den Antrag auf BU stellte ich 1996, den auf BK Anfang 1997. Die Rentenkasse lehnte ab, brachte es aber auch nicht fertig, mir eine Kur zu vermitteln. Ich musste erst an die Regierung schreiben, bis die reagierten. 1998 im August konnte ich endlich kuren und wurde dort als gesund entlassen. Also keine Rente. Um die zu bekommen, muss man den Kopf unter dem Arm tragen, oder psychisch krank sein.

Die Berufsgenossenschaft hatte im Mai 1997 einen Mitarbeiter geschickt, der die Anamnese aufnahm - also alles aufschrieb, was ich bisher auf Arbeit alles leisten musste. Im Jahr darauf kam die Ablehnung.

Der Grund war wohl meine Ehrlichkeit gewesen. Ich hatte zwei Hexenschüsse angegeben, die mich irgendwann vor vielen Jahren mal stachen. Doch diese Muskelverspannungen verschwanden ohne ärztliches Eingreifen. Auch meine schmerzenden Gelenke, die ich angab, waren Grund für die Ablehnung. Ich sei eben im allgemeinen nicht belastbar...

Ich ging in Widerspruch und widerlegte diese Anschuldigungen. Hexenschüsse seien keine Lendenwirbelbeschwerden, sondern muskuläre Verspannungen. Außerdem seien diese im Brustwirbelsäulen (BWS)-Bereich gewesen. Die Gelenke waren im Job stark belastet gewesen...

Es folgte ein Gutachten, welches eine Anerkennung der BK ablehnte, eben auch wegen dieser Probleme. Außerdem spräche ein früher Beschwerdebeginn (Hexenschüsse) und das Betroffensein mehrerer WS-Abschnitte gegen eine BK. Mein Leiden wäre schicksalhaft...

Ich suchte mir eine Anwältin und klagte beim SG Leipzig. Es folgten daraufhin vier Gutachten (GA). Das erste war der Hammer, war in der Uni-Halle. Mir wurden ein sechster Lendenwirbel (LW) und Hypermobilität der Wirbelsäule (WS) angehangen, außerdem wäre kein belastungskonformes Schadensbild vorhanden (monosegmental, keine Spondylose). Ablehnung der BK. Ich half der Anwältin bei der Gegendarstellung. Das nächste Gutachten wurde im St.-Josefs-Krankenhaus in Leipzig erstellt. Ich sprach mit dem Arzt über die angeblichen WS-Erkrankungen und wir sahen uns die Röntgenbilder genauer an. Ich hätte keinen 6. LW sondern am 12. Brustwirbel nur Stummelrippen. Die kleinen Gelenke seien zu erkennen. Wenn man nicht richtig hinschaut, sieht man das nicht. Dieser Arzt sagte JA zur BK. Doch die Berufsgenossenschaft (BG) lehnte das alles in ihrer Gegendarstellung ab. Das nächste GA war anberaumt. Wieder bei dem Arzt, der den 6. LW festgestellt hatte. Ich stellte einen Befangenheitsantrag, der aber abgelehnt wurde. Also ab nach Halle. Ich wurde nicht untersucht, musste fast eine Stunde warten bis ich dran war und dann sagte er herablassend: "Wir haben ja die Untersuchungen beim letzten Mal gemacht." Und das wars. Das GA war noch ein größerer Hammer. Er hatte Messergebnisse aufgeschrieben von Messungen, die niemals stattfanden, aber die Hypermobilität belegen sollten. Demnach hätte ich ein Gummimensch sein müssen. Wir schrieben erneut eine Gegendarstellung und es folgte noch ein GA. Dies Mal in Bad Düben. Also hin. Der Arzt war sehr nett und sagte mir ins Gesicht, es wäre eine BK. Als das GA dann bei mir zu Haus eintraf, stand drinnen: Keine BK. Weil nur ein Segment betroffen sei. Woher kam dieser Wandel?

Zur Verhandlung war ich nicht anwesend. Wir wussten, dass wir verloren hatten. Der hallensische GA hatte noch einiges an Material zum Richter geschickt und ihn von seiner Meinung überzeugt. Was solls. Beeinflussung der Richter ist Gang und Gäbe. Recht haben und recht bekommen ist in Deutschland ein zweischneidiges Schwert, zumal wir Betoffenen beweisen müssen, dass die Krankheit durch die Arbeit entstand. Die Gegenpartei kann sich durch z.T. falsche Gutschten gut rausreden.

Nächste Instanz!

Zwischendrin hatte ich regen Schriftwechsel mit der sächsischen Landesregierung geführt. Ich hatte mich über die "Machenschaften" der BG und deren GA, die nicht unparteiisch seien, beschwert und um Hilfe gebeten. Naja. Im letzten Brief stand: "Der BG können keinerlei Fehler vorgeworfen werden." Unterstützung bekam ich vom damals noch existierenden AbeKra-Verband und Frau Dr. Vogel, bei dem ich bis zur Auflösung Mitglied war.

Wir hatten mittlerweile das Jahr 2000. Ich ging in Berufung beim Landessozialgericht und das dauerte. Stillstand. Plötzlich Post im Kasten - das war 2005. Einladung zu erneutem GA in Dresden in einer BG. Hu, dachte ich, in der Höhle des Löwen und sah keinerlei positives mehr. Doch ich fuhr hin und war überrascht. Der Arzt war schon älter, in Rente scheinbar und hatte nichts mehr zu verlieren. Er untersuchte mich sehr gründlich, ich sprach mit ihm über meine WS und die angeblichen Krankheiten und vieles mehr. Das Gutachten bestätigte eine BK. Das LSG Sachsen in Chemnitz hatte diesen GA bestellt und da nutzte kein Bitten und Betteln seitens der BG. Das Urteil fiel positiv für mich aus. Ich hatte gewonnen!!! Freude. Aber auch Schock, denn die BG reichte eine Nichtzulassungsbeschwerde beim Bundessozialgericht (BSG) ein. Eine Revision war nämlich nicht zugelassen worden.

Wieder warten und bangen. Dann kam Post. Ablehnung. Der Grund zur Zulassung war dem Gericht nicht ausreichend genug. So kann ich ein Urteil zur BK 2110 vorweisen. Derer gibt es nicht so viele. Seither beziehe ich eine Mini-Unfallrente.

 

"Bandscheibenbedingte Erkrankungen der Lendenwirbelsäule durch langjährige,
vorwiegend vertikale Einwirkung von Ganzkörper-Schwingungen im Sitzen,
die zur Unterlassung aller Tätigkeiten gezwungen haben,
die für die Entstehung, die Verschlimmerung oder das Wiederaufleben der Krankheit
ursächlich waren oder sein können."
BArbBl. Nr. 7/2005 S. 43

 

L2 U 127/02 LW ist das Aktenzeichen

Das Urteil ist rechtskräftig!!!!! Jedenfalls bekomme ich meine Unfallrente. ;-)

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© Ramona Uhlisch